Was
ist das zentrale Thema von Spiritualität?
Das Grundthema der Spiritualität,
das sich wie ein roter Faden durch alle Lehren hindurch zieht, ist: Der Mensch
leidet und er möchte von seinem Leid befreit sein. Die Besonderheit, wie hier
Spiritualität mit der Frage umgeht, besteht darin, dass keinerlei Möglichkeit
zugestanden wird, einen anderen für das eigene Leiden verantwortlich zu machen.
Niemand im weiteren und engeren Umkreis des Menschen, nicht die Familie, nicht
eine schlechte Kindheit, nicht der untreue Partner, nicht der gehässige Nachbar
ist für das eigene Leiden verantwortlich. Selbst nicht die politischen Verhältnisse,
die Regierung, die Terroristen sind Schuld an unserem Leiden. Ganz kompromisslos
wird aufgezeigt, dass jeder für sein Leiden selbst verantwortlich ist und die
Ursache allen Leidens Unwissenheit ist. Manche Menschen wollen das nicht begreifen,
sie wenden sich ab, oder sie suchen eine Möglichkeit, die Lehre entsprechend
ihren eigenen Vorstellungen abzuändern.
Da
wird nun vorausgesetzt, dass der Mensch ein Leidender
ist. Manchmal kann ich mich auch als solchen verstehen, ich kann mich aber nicht
generell als Leidenden bezeichnen. Worin besteht das Leid, von dem hier die
Rede ist?
Bei uns stellt man sich normalerweise
dann einen Menschen vor, der Schmerzen hat, der physisch oder mental in einer
Krise ist. Hier wird Leid aber verstanden als eine generell fehlende Leichtigkeit
eines Menschen. Es ist die Unfähigkeit des Menschen, sich mit sich selbst leicht
und gut zu fühlen; die Unfähigkeit, mit sich allein zu sein und sich ohne bestimmten
Anlass einfach gut zu fühlen. Man kann das nachprüfen, indem man sich einmal
allein – ohne jegliche Beschäftigung – für längere Zeit ruhig in einen Raum
setzt. Wir können es nicht ertragen. Wir suchen nach Bewegung und Beschäftigung,
unsere Gedanken und Probleme scheinen uns zu überschwemmen. Wir sind uns selbst
zur Bürde und Last geworden, wir können uns nicht mit uns allein wohl fühlen.
Für diese fehlende Leichtigkeit machen wir dann oft andere verantwortlich. Die
Schriften legen dem Leser in kleinen Schritten dar, dass nur der Mensch selbst
voll und ganz für dieses Leid verantwortlich ist. Folglich kommen sehr viele
Einwände der Menschen. Deshalb ist es notwendig, dieses Wissen durch einen Lehrer
zu vermitteln, der dann auch unmittelbar auf die Einwände eingehen kann.
Es wird in den indischen
Schriften vorausgesetzt, dass jeder Mensch das Potential in sich trägt, durch
alle Situationen des Lebens leidlos hindurch zu gehen. Das ist so selbstverständlich
und genau so, wie jeder Mensch z. B. das Potential in sich trägt, schwimmen
zu können, es muss nur ent-deckt (d. h. offen gelegt) werden.
Verständlicherweise wehren
wir uns gegen diese Annahme, deshalb versuchen die Schriften auch, behutsam
und langsam zu dieser Erkenntnis hinzuführen. Das unangenehme Gefühl im Menschen,
das Unzufriedenheit, Verwirrtheit und Unruhe beinhaltet, ist immer seine Reaktion
auf etwas, was er außen antrifft. Außen ist hier nicht etwas, was außerhalb
der Hautgrenze besteht. Außen in diesem Kontext bedeutet immer alles, was man
objektivieren kann. Der Mensch reagiert ja auch auf Schmerz, der mit dem Körper
zusammenhängt, auch das kann in diesem Sinn als außen bezeichnet werden. Selbst
der Gedanke meines Verstandes ist außen. Der Gedanke aber an sich ist nicht
das Problem, es geht um die Intensität, wie ich auf ihn – und auf alle anderen
Dingen, die außen sind – reagiere. Durch die Reaktion auf die äußeren Dinge
stellt der Mensch jeweils eine Beziehung zu diesen her. Er erlebt sich selbst
einerseits und seine Gedanken andererseits oder sich selbst und seinen Körper.
So haben wir Beziehungen
hergestellt auch zu unserem Weltbild, unserer Religion, unserer Gesellschaft,
dem Staat usw. Jede Reaktion konstituiert so auch eine Beziehung. Wenn jemand
nicht reagiert, tritt er auch nicht in Beziehung. Die Reaktionen können positiv
oder negativ sein. Positives möchte ich gern festhalten, ich liebe es, mag es,
anerkenne es, möchte es fördern, finde es gut. Ich finde eine Religion oder
Weltanschauung, ein System oder eine Idee gut und möchte, dass sich das ausbreitet.
Das Negative ist das, was ich von mir fernhalten möchte, was ich schlecht finde,
was ich hasse, was ich verhindern möchte. Das kann sich um eine Krankheit handeln,
das kann ein bestimmter Staatsmann sein. Hier sind alle möglichen Dinge denkbar,
und der Mensch teilt die Welt entsprechend diesem Negativ-Positiv-Schema ein.
Leider
aber ist diese Einteilung doch nicht zu umgehen, Krankheiten werden eben nicht
als gut erlebt, und es gibt auch Staatsmänner, die ihr Amt ausgesprochen schlecht
verwalten.
Warum geht nun der Mensch
in diese Einteilung hinein, besteht dazu wirklich eine Notwendigkeit? Ist eigentlich
immer eine Reaktion auf die Dinge und Situationen gefordert? Denkbar wäre doch
auch die Möglichkeit erst einmal die Dinge zu betrachten, bevor ich aus meiner
eigenen Emotionalität gleich aburteile oder mich einmische. Wir glauben immer,
uns einmischen zu müssen. Wir glauben verhindern, festhalten oder mitmischen
zu müssen. Wir sehen uns richtig gezwungen, in das Spiel einzugreifen. Dadurch
entstehen dann die Konflikte und das Leid. Warum tun wir dies?
Als Kind haben wir gespielt
und waren glücklich damit, wir haben uns gefreut und gelacht. Selbst wenn wir
mal geweint haben, hat das keine nachhaltigen Spuren hinterlassen. Wir waren
da und das war für uns gut. Irgendwann in der Kindheit ist dann dieses unkomplizierte
Dasein verschwunden und hat einer gewissen Ernsthaftigkeit und dem Pflichtgefühl
Platz gemacht. Da bauten sich unter dem Einfluss derer, die uns erzogen haben,
gewisse Wertvorstellungen auf, vorhandene Tendenzen wurden gepflegt und ausgebaut.
Uns wurde gelehrt, dass die Welt in Name und Form einzuteilen sei, dadurch wurden
die Dinge auch festgelegt und zugleich bewertet in gut und schlecht. Wir haben
die Werte angenommen und kamen so in eine Welt, die durch ihre Einteilung in
gut und schlecht Konflikte entstehen lässt. Das ist auch das Thema der Bhagavadgita,
dass der Mensch zwischen Gut und Böse entscheiden zu müssen glaubt. Irgendwann
hat es also in unserem Leben mit diesem Spiel angefangen, und wir ließen uns
darauf ein. Je erwachsener wir wurden, umso weiter gingen wir auch da hinein,
und umso mehr Klagen hatten wir.
Nun sagen die Schriften,
potentiell gibt es die Fähigkeit, dich mit dir selbst wohl zu fühlen. Mit diesem
Potential wirst du geboren, und es ist jedem Menschen und jederzeit zugänglich.
Sie geben uns auch Hinweise, wie wir damit in Kontakt treten können. Es ist
zunächst einmal wichtig, dieses Spiel zu durchschauen, in das der Mensch sich
da eingelassen hat. Dann ist es natürlich notwendig, einmal zu sehen, was der
Mensch erwartet von all den Aktivitäten, in die er sich einlässt. Was erwartet
er von dem, was er treibt und tut. Was wird erwartet von der höchsten Aktivität
des spirituellen Menschen, von der Meditation, bis hin zu den in unseren Augen
schlechtesten Aktivitäten wie dem Stehlen oder dem Morden. Dabei wird sichtbar,
dass in allen Aktivitäten das Gleiche gesucht wird, worüber Spiritualität zu
sprechen hat. Letztlich ist es die Befreiung von Leid oder die Suche nach dem
Wohlfühlen, von der hier gesprochen wird, und die in allen Aktivitäten gesucht
wird. In all unseren täglichen Aktivitäten versuchen wir, unser Leben zufriedener,
ruhiger und glücklicher zu machen. Das trifft ausnahmslos auf alle menschlichen
Handlungen zu, von den edelsten bis zu den gemeinsten. Wir haben für solche
"gemeinen" Handlungen kein Verständnis, aber gerade dieses Verständnis versucht
uns dieses Wissen zu vermitteln. Diesem Prinzip folgt der Wohltäter der Menschheit
und der Dieb und Mörder. Dieser Gesichtspunkt vereinfacht erheblich unser Welt-
und Menschenbild.
Ausserdem behütet uns diese
Einsicht vor dem falschem Stolz, uns in das Licht eines "guten" Menschen zu
rücken. Das Verständnis, dass ich letztendlich alles zu meinem eigenen guten
Gefühl tue, bringt mich in einen angenehmen Zustand von Demut und Bescheidenheit.
Und gleichzeitig macht es mich unverletzlicher, denn jede Verletzung in mir
kann nur dem widerfahren, was ich in mir durch solche noblen Vorstellungen über
mich selbst aufgebaut habe.
Diese Tatsache, dass es
selbstloses Handeln gar nicht gibt, ist im Allgemeinen schwer zu akzeptieren.
Wir teilen unsere Aktivitäten in die wichtigen und weniger wichtigen, in gute
und schlechte, nützliche und unnütze ein. Generell aber gibt es keinen wertenden
Unterschied zwischen dem Straßefegen, dem Forschen, dem Rumsitzen und dem Drogenkonsum.
Selbst die Akte der Gewalt und anderer Kriminalität sind einfach noch grössere
Hilfeschreie eines Menschen aus dem gleichen Zwang heraus. Wer das verstanden
hat, dessen Leben wird achtsamer und einfacher. Alles, aber auch alles tun wir
aus unserer Hilflosigkeit heraus. Wir versuchen, unserer Existenz eine Erfüllung
zu geben, die wir bisher in uns selbst nicht gefunden haben. Wir sperren uns
zunächst gegen diese Einsicht, da dadurch so viele wohlbehütete Vorstellungen
über mich, die Welt und meinen Bezug dazu in Frage gestellt werden. Aber diese
Einsicht, die wirklich nur aus einer tiefen inneren Klarheit heraus gewonnen
werden kann und nicht nur einfach intellektuell verstanden, würde unser Leben
radikal und vollkommen vereinfachen und sehr viel friedlicher werden lassen.
Es würde uns von unserer Hast, Eile und Stress befreien.
Es geht hier um das innere
Gefühl des Nicht-fertig-seins, dass unter den Vorstellungen unter denen wir
jetzt leben auch niemals fertig sein wird . Das gilt für alle Aufgaben und Ziele,
die ich mir im privaten und beruflichen Bereich gesetzt habe, sowie auch alle
Ziele im philosophischen oder spirituellen Bereich. All diese verschiedenen
Bereiche haben eines gemeinsam: Es ist nicht gut genug, so wie es jetzt ist
und es muss verbessert werden. Dies projeziert sich vielleicht mehr auf mich
selbst oder auf die Welt, - es ist letztendlich das Gleiche. Jedenfalls wird
es mir dadurch unmöglich, den jetzigen Moment in Fülle zu schätzen, was eigentlich
die Essenz des Lebens ist, wofür ich alles tue. Wir sind ständig dabei, uns
selbst zu überholen und verpassen das, wohin wir uns eigentlich sehnen. Es geht
in diesem Wissen nicht um Veränderung im Äusseren oder physische Distanz. Es
geht um die Sichtweise, die ich zu mir selbst und der Welt habe. In wie weit
ist dies dramatisch mit Kummer, Sorgen und Ängsten verbunden, wo jede mir
aufgetragene Verantwortung als Last empfunden wird. Oder wie weit ist hier eine
Leichtigkeit in den Handlungen vorhanden. Natürlich sollten wir unser Bestes
geben in den uns aufgetragenen Aufgaben. Es sollte nicht zu Fatalismus führen;
die Verantwortlichkeit wird durch diese Leichtigkeit nicht aufgehoben.
Nur das Gefühl der Last,
das mit der jeweiligen Verantwortung zu tun hat, wird als eine überflüssige
Komponente betrachtet, die einer falschen Sichtweise entspringt. Es geht hier
lediglich um die Frage: Was ist die wirkliche Motivation des Handelns. Wir erhoffen
uns aus allen Aktivitäten kurz oder auch sehr langfristig ein Wohlgefühl. Und
dieses Wohlgefühl, woraus auch immer ich mir dies erhoffe, von meiner Behausung,
meinem Partner, meinem Beruf, meinem Status oder meinem Glauben sollte nicht
nur temporär zu mir kommen, sondern es sollte etwas Bleibendes und vor allem
Verlässliches sein.
Etwas anders betrachtet ist
jeglicher Antrieb für die Aktivitäten des Menschen eine Unfähigkeit, mit sich
selbst, also allein, ohne Grund gut zu fühlen. Es besteht ein innerer Zwang,
in die Handlung zu gehen. Aktivitäten geschehen also eigentlich aus einer inneren
Hilflosigkeit heraus. Diese Aussage klingt für uns zunächst aüsserst unangenehm,
da sie all meine Vorstellungen über mich selbst und damit über meine eigene
Wichtigkeit in Frage stellt. Aber hätte der Mensch wirklich diese Einsicht,
sie würde ihn demütiger machen. Es würde von Stolz befreien, und von der Annahme,
etwas Besonderes mit einer besonderen Aufgabe zu sein. Das würde das Leben einfacher
machen, gelassener und zufriedener. Alle Einteilungen und Hierarchisierungen
wären damit hinfällig. Die Verletzbarkeit eines Menschen liegt genau hier in
dieser Annahme des Gut - oder Wichtigseins über sich selbst. Nur diese Vorstellungen
in uns bieten eine Angriffsfläche für die sogenannten Verletzungen, die wir
erfahren. Nur dadurch erfahre ich Kritik oder andere Bemerkungen als einen "persönlichen
Angriff". Wäre diese noble Vorstellung über mich nicht vorhanden, könnte ich
mit jeder Kritik praktisch und konstruktiv umgehen.
Spiritualität redet nicht
darüber, was du tust, wichtig ist nur wie du es tust.
Die zentrale Frage ist: Wie
weit macht sich der Mensch in all seinen Handlungen abhängig. Das kann sowohl
von bewusster Armut im Kloster sein oder vom Leben in Saus und Braus. Wie weit
geht er in sein eigenes Spiel hinein und verliert so die Einfachheit seines
Geistes. Einerseits sucht er in allen Handlungen Frieden und Ruhe, andererseits
jagt er aber diesen Werten in Hektik und Unruhe nach. Dadurch übersieht er:
Dieser Friede ist schon längst da! Das versuchen die Schriften in unterschiedlichen
Sprachen und Bildern zu erklären. Hör auf mit dem Spiel! Der Intellekt sieht
es ein und geht dann aber ins nächste Spiel über. Deswegen dauert es so lange,
sich dessen wirklich dauerhaft bewusst zu werden. Dabei geht es nur um dieses
eine Thema. Es zieht sich wie ein roter Faden durch die spirituellen Schriften.
Wenn wir über eine Erfüllung des Lebens sprechen, dann ist dies immer etwas,
was für uns in der Zukunft liegt. Die Schriften aber reden über eine Erfüllung
die du immer nur in diesem Moment erfahren kannst. Es braucht nichts erst erarbeitet
zu werden, es braucht nichts getan zu werden, dem Leben einen Sinn zu geben.
Der Friede ist schon jetzt da! Alle Modelle dieses Wissens und alle spirituellen
Übungen sind Vorbereitungen, um die bestmöglichen Vorraussetzungen zu schaffen,
dass wir zu dieser Klarheit gelangen .
Die Schriften erwähnen mit
keinem Wort, dass du in der äußeren Welt etwas ändern solltest. Natürlich kannst
du etwas ändern bezogen auf alle praktischen Bereiche, aber dadurch wird das
eigentliche Problem der Unzufriedenheit in mir nicht gelöst. Du brauchst nichts
zu ändern, nur deine Sichtweise. Dazu brauchst du keinen Ortswechsel, keinen
Wechsel des Berufs oder Partners, du musst nicht die Religion wechseln, du musst
nicht einer Institution beitreten. Es geht darum, zunächst zu verstehen, warum
ich mich in so viele Abhängigkeiten hinein manövriert habe. Was suche ich wirklich
in all den Beziehungen, die ich aufgebaut habe: egal ob zu Menschen, Objekten,
Situationen oder Ideologien? Mit welcher Intensität und Leidenschaft bin ich
damit verbunden? Alles mit dem ich eine solche Beziehung aufbaue, bekommt dadurch
natürlich wiederum auch die Kraft, mich positiv aber auch zu jeder Zeit negativ
zu beeinflussen. Es kann mich nur etwas beinflussen, zu dem ich vorher eine
Beziehung aufgebaut habe, ob es nun mit Ablehnung oder Verlangen geschehen ist.
Das Gehasste beeinflusst uns wie das Geliebte, wenn Geliebtes verloren geht,
ist man traurig, wenn Gehasstes weiter besteht, kommt Furcht oder Agression.
Nichts hat aus sich selbst diese Kraft in der Welt. Nur ich kann allem diese
Kraft in meinem eigenen Spiel verleihen. Die Welt ist neutral.
Es
ist einfach sehr schwer zu verstehen, dass ich alles Leid selbst verursacht
haben soll. Es ist doch durchaus möglich, dass mich mein Nachbar, mein Partner
verletzt, auch wenn ich daran keine Schuld habe. Es gibt bei uns ein Sprichwort:
“Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht
gefällt.“
Da weisen dich die großen
indischen Heiligen, z. B. Ramana Maharshi immer wieder auf die Frage hin: Wer
ist es, der beleidigt wurde, wer glaubt, etwas verloren zu haben, der gekränkt
und angegriffen wurde? Erforsche nicht, warum der „böse Nachbar“ dir dies und
jenes angetan hat, erforsche, wem ist da vermeintlich Unrecht geschehen. Entlarve
zunächst die Persönlichkeit, die sich da aufgebaut hat. Du wirst erkennen, dass
die überhaupt keine Basis hat. Wenn das eingesehen wird, fallen die anderen
Fragen weg. Wer oder was ist diese Persönlichkeit? „Ich fühle mich verletzt“
provoziert bei den Meistern nicht die Frage: „Was ist passiert?“ sondern „Wer
fühlt sich verletzt?“ Wenn du aus dieser Frage die ersten Einsichten gewinnst,
dann wirst du sehen, dass der „böse Nachbar“ schon längst nicht mehr so böse
ist, weil sich weniger Angriffsfläche bei dir bietet.
Ist
das nicht ein Ablenkungsmanöver, wenn ich jetzt eine tiefsinnige Definition
über mein Menschsein abgeben muss, die ohnehin nie richtig möglich ist?
Nein, mit dieser Frage soll
geklärt werden, wie du deine Persönlichkeit aufgebaut hast. Vielleicht nimmt
da eine Lehrerin an, dass sie ihre Arbeit gut macht, dass sie eine gute Lehrerin
ist. Nun kommt jemand der sagt: Du bist eine schlechte Lehrerin. Das trifft
sie vielleicht sehr, weil sie in sich aufgebaut hat, dass sie eine Lehrerin
ist und dass sie in diesem Beruf gut ist. Je mehr du in dir etwas aufbaust,
um so verletzlicher wirst du dadurch. Im Laufe des Lebens hast du unterschiedliche
Identifizierungen angenommen. Und die Schriften sagen dazu, dass du dies deshalb
nicht bist. Du kannst nicht etwas sein, was du erst später angenommen hast und
was auch weiteren Veränderungen unterliegen wird. Hast du das subjektive Gefühl,
dass du etwas Veränderliches bist? Bist du das wesensmäßig, was da angegriffen
wurde? Es genügt oft ein Wort der kleinsten Kritik über meine Person, über meinen
Glauben oder meine Anschauungen, um mich positiv oder negativ gefühlsmässig
zu beeinflussen. Das dürfte eigentlich nicht passieren, wenn eine gewisse emotionale
Stabilität in uns vorhanden wäre. Geschieht aber, weil wir uns auf das Spiel
der Beziehungen und daraus resultierenden Abhängigkeiten eingelassen haben.
So geschieht es dann, dass wir in unserem Gefühlsleben durch schon kleinste
äussere Einflüsse hilflos hin und her geschossen werden, wie ein Ball auf dem
Fußballfeld. Nichts von außen muss notwendigerweise mein Gefühlsleben beeinflussen.
Dies ist keine Gesetzmässigkeit, sondern hier liegt ein grossartiges Potenzial
innerer Freiheit in uns. Leidlosigkeit ist so gesehen eine emotionale, geistige
Stabilität und Einfachheit.
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